In den letzten Tagen beschäftigt mich die Idee, oder gar die Sehnsucht, geschichtslos zu sein. Inspiriert wurde dies auch von einem Text über das Loslassen von Joe Turan.
Kurz zusammengefasst beschreibt er, dass wir an unseren Geschichten festhalten (auch an denen, oder gar vor allem an denen die Leid verursachten) da sie unsere Identität bilden. Uns also die Möglichkeit geben uns zu verorten und uns sicher zu fühlen. Sie geben uns das Gefühl von Vertrautheit und (vermeintlicher) Kontrolle. Das Loslassen, das Aufgeben der Identität(en) erst ermöglicht uns Freiheit. Wir kennen das auch aus allen möglichen spirituellen und buddhistischen Konzepten: Im Moment sein. Sein. Jetzt. Alles Leid ist gebunden an Gedanken über das gestern oder Befürchtungen, Gedanken über das morgen.
Wer sind wir befreit von diesen Identitäten und alten Geschichten? Was ist diese Freiheit? Die Freiheit neu zu sein? Schmerzlos zu sein? Was ist diese Freiheit, reduziert auf das eigene Empfinden, die individuelle Geschichte, wenn sie die Unfreiheiten und Zwänge des In-der-Welt-seins ausblendet? Die Unfreiheiten so vieler Menschen auf dieser Welt?
Noch heute sind mir zwei Satzfragmente aus meinen Teenagertagen in Erinnerung: „Eine schmerzfreie Welt ist eine weltweite City“ und „Der Wiederholungszwang der Geschichte“
Ist es möglich sich von frühkindlichen Traumata zu befreien? Diesem Erleben im Vorsprachlichen das als reine Emotion ohne erzählbare Geschichte(n) gespeichert ist? Was ist mit transgenerativen Traumata? … den nie erzählten Geschichten die gerade durch ihr Nicht-Erzählen Einfluss nehmen? Können wir uns desidentifizieren von unseren Geschichten und sie gleichzeitig anerkennen und aus ihnen lernen? Mit ihnen wachsen? Oder sie eben einfach „sein lassen“?

An Silvester liegt diese Sehnsucht das neue Jahr, wir selbst, mögen dieses weiße, unbeschriebene Blatt sein, mit diesem einen Moment in dem das neue Jahr das alte ablöst und vertreibt sei alles neu, als kollektive Sehnsucht in der krachergeschwängerten Luft. Die alten, bösen Geister sind vertrieben …alles auf Anfang.
Freiheit, das ist Offenbarung. Das ist die Möglichkeit zu wählen wir wir antworten in der Welt, wie wir uns (zu etwas oder jemandem) verhalten. In jedem Moment. (Vielleicht) Neu. Das ist die Freiheit nicht dem ersten Impuls, dem Zwang, dem „so bin ich eben“ zu folgen, sondern die Wahl zu haben. Zu Entscheiden. Freiheit, das ist Verantwortung, das Antworten, das in dieser Wahl steckt.
… und vielleicht ist Freiheit (auch) das Bewusstsein darüber, dass wir nicht geschichtslos sind. Das Vermögen zu Reflektieren, zu Er-kennen, welche unserer Antworten der freien Wahl und welche unseren Konditionierungen und Geschichten entspringen.
… vielleicht ist Freiheit ein Moment, ein immer wiederkehrender Moment, ein Moment in dem wir unser Gefühl für Sicherheit nicht aus unseren Geschichten nehmen sondern aus einem vertrauensvollen „in-der-Welt-sein“.
… und vielleicht ist Freiheit auch die Freiheit sich, ab und an, für die Vertrautheit und Sicherheit unserer Geschichten zu entscheiden und (aus) zu halten, dass alles immer ist. Gleichzeitig.
Und die große Kunst ist es, diese Gleichzeitigkeit, die Spannung die in diesen vermeintlichen Gegensätzen liegt, als Bereicherung zu erleben.
In diesem Sinne: Ein gutes neues Jahr euch allen.

P.S. Ein wunderbarer Text der (auch) das Thema der Freiheit behandelt: Massimiliano Civion: The Ethics of Fragility Against Self-Help