Vom Wohlwollen: Ein praktische Anleitung

Meist beschreiben und empfinden wir das Verhalten anderer nicht als das was es ist _ neutral, sachlich _ sondern wir interpretieren, wir (be)werten es. Sofort. Und das in jahrelang eingeübten Mustern in denen wir in der Regel nicht gut bei weggekommen. Und das Blödeste dabei: Das ist dann unsere „Wahrheit“.

Der Rückruf der nicht pronto kommt: „Ich bin nicht wichtig genug.“ Eine geplatzte Verabredung: „Ich bin es nicht wert“. Eine Absage (für was auch immer): „Ich bin nicht gut genug“ … all das. Ihr kennt das. Alter Kindheitsstuff. Wir lesen Nachrichten, wir führen Gespräche, wir Erleben … und konstruieren mit unserer gewohnten Brille auf die Welt unsere Wahrheit.

Der wohlwollende Blick auf die Welt, auf Menschen, auf das Verhalten von Menschen … die Annahme, dass alle immer ihr Bestes geben und in guter Absicht agieren …

… dieser Blick, der ist für Menschen wie mich, deren System _ als Traumareaktion quasi _ als Erstreaktion gern „das Schlimmste“ anbietet, ein wahrer Gamechanger. (Einschub: „Das Schlimmste annehmen“ ist der verzweifelte Versuch Kontrolle über die Situation zu haben. Overthinking. Und da wir eh keine Kontrolle haben können wir uns das sparen und in der Zeit was Schönes tun.)

Und da „Hey, jetzt hab doch einfach mal einen wohlwollenden Blick“ in der ein oder anderen Situation nicht so leicht zu praktizieren ist fiel mir letztens wieder eine wunderbare Übung aus dem Coaching dazu ein. Da ich nicht mehr weiß wie sie heißt nenne ich sie jetzt einfach „Der wohlwollende Blick.“

  1. Ihr schreibt auf ein Blatt Papier den reinen Fakt. z.B. Meine Bewerbung wurde abgelehnt. Oder: XYZ wurde mir geschrieben. Oder: XY hat „XYZ“ gesagt. (Wenn euch das nicht so leicht fällt, dann fragt eine*n Freund*in. Ihr könnt auch die ganze Übung gemeinsam machen)
  2. Jetzt schreibt ihr mindestens 7, gerne 10, GUTE (oder verrückte, außerhalb eurer Vorstellung liegenden) Gründe für dieses Verhalten auf _______________________________________________z.B. die können mich nicht bezahlen; das Telefon ist ins Klo gefallen und kaputt gegangen; XY ist krank geworden; XY hat gerade im Lotto gewonnen und ist vollkommen außer sich und kann nicht mehr klar denken … was auch immer. GUTE Gründe. Je wilder, je besser.

Meine Erfahrung ist, dass allein den Geist dafür zu öffnen, dass es so viele Gründe und Interpretationen für Verhalten geben kann die Situation, das eigenen emotionale Erleben, sofort verändert.

Und mal im Ernst: Das Verhalten der anderen hat i.d.R. mehr mit ihnen zu tun als mit uns. Und wie viel schöner ist die Welt wenn wir wohlwollend aufeinander blicken … und ab und an tun sich, gerade durch die wohlwollende Erweiterung unseres eigenen Blickes, ganz neue Möglichkeiten auf.